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rhythmogramme

# 3782  / 226b  Rhythmogramm, ca. 1955
# 3782 / 113  Rhythmogramm 'Trienale', ca.1955
# 3782 / 119a  Rhythmogramm, 1955
# 3782 / 182a  Rhythmogramm, ca. 1955
# 3782 / 183cA  Rhythmogramm, ca. 1955
# 3782 / 268bA  Rhythmogramm, ca. 1955
# 3784 / 1 Windkanal, 1955
# 3788 / 2 Blitz, 1955
# 4037 / 1 Bertoia Stühle, 1962
# 9179 / 1 Selbstportrait, Wolfsburg 1962
B. G. Teubner Verlag, Leipzig - Berlin 1912
Wandbild in der FH Wolfenbüttel, 1955

 

Als Heinrich Heidersberger sich Ende der 1920er Jahre in Paris für die Photographie als sein bevorzugtes künstlerisches Medium entschied, wurden Photographen noch Lichtbildner genannt - eine Bezeichnung, die für Heidersberger in besonderem Maße passend erscheint. Denn zeitgleich mit den Auftragsarbeiten für namhafte Architekten der Braunschweiger Schule, die insbesondere seine Lichtführung schätzten, begann er sich Anfang der 1950er Jahre der Luminographie - der Aufzeichnung einer Lichtquelle in Bewegung - zu widmen. Er war fasziniert von der Idee, das Licht selbst zum Objekt werden zu lassen.

Die Einladung im Jahr 1955, für die neu errichtete Ingenieurschule in Wolfenbüttel ein Wandbild zu erstellen, das die in der Schule vermittelten technischen Disziplinen veranschaulichen sollte, war ihm ein willkommener Anlass, die Beschäftigung mit der Luminographie auszubauen. Heidersberger entwickelte einen Apparat, mit dessen Hilfe Lichtspuren direkt auf Photomaterial aufgezeichnet werden konnten. Er nannte die so erzielten Bilder Rhythmogramme. Mit großem Enthusiasmus unternahm er in den nächsten Jahren immer weitere Versuche, den Entstehungsprozess dieser Bilder zu optimieren,

Der Rhythmograph, wie Heidersberger die Apparatur nannte, wurde mehrmals überarbeitet und perfektioniert. Mittels vier harmonisch gedämpfter Pendel erzeugt das Gerät über einen mechanisch gekoppelten Spiegel und eine punktförmige Lichtquelle Lichtspuren auf photographischem Material. Durch die Steuerung von Frequenz, Phasenverschiebung, Amplitude und Übersetzung der Pendel - zwei treiben den Spiegel vertikal an, zwei horizontal - entstehen dreidimensional wirkende Lichtzeichnungen. Die große Version, die aus einem handelsüblichen Baugerüst zusammengesetzt ist, steht heute wieder funktionstüchtig im Ausstellungsraum des Institut Heidersberger und nimmt fast zwanzig Quadratmeter ein.

Heidersbergers Lichtbilder, die den Zufall als Gestaltungsprinzip einbeziehen, entfalten ihren besonderen Reiz durch ihre räumliche Wirkung. Impulsgebend hierfür war Heidersbergers Lektüre eines Buches über "Physik in graphischen Darstellungen". Dort stieß er auf Kurvengraphen, die durch Überlagerung harmonischer Schwingungen entstehen und die nach ihrem Entdecker, dem Physiker Jules Antoine Lissajous (1822 – 1880), Lissajous-Schwingungen genannt werden. Die gezeichneten Schwingungsverläufe von eigentümlicher Schönheit forderten Heidersberger heraus, ähnliche Ergebnisse mittels der Photographie zu erzielen. Bald war er damit erfolgreich und nannte diese Lichtspurzeichnungen fortan Rhythmogramme.

Durch Fortentwicklung der Apparatur und Variation der Einstellungen konnte Heidersberger auch die Rhythmogramme in Stil und Motiv verfeinern. Mit jeder baulichen Änderung wurde die Maschine komplexer, der Einsatz routinierter und gleichzeitig spielerischer. Durch kurzzeitiges Löschen des Lichtes etwa fand Heidersberger zu neuen Spuren, auch begann er die Negative auszuarbeiten. Mit Umkehrungen, Mehrfachbelichtungen und Ausschnitten, die zu flächenhaften Kompositionen führten, sowie durch Solarisationen erzielt er eine gänzlich neue Bildsprache.

Der Rhythmograph steht im Schaffen Heidersbergers für die Synthese aus den künstlerischen und naturwissenschaftlichen Neigungen des Photographen. Die damit geschaffenen Rhythmogramme sind einzigartige Gebilde, die in ihrer spielerisch-heiteren Ästhetik schnell auch einem breiteren Publikum bekannt wurden. So diente etwa von 1956 - 1968 ein Rhythmogramm als Sendezeichen des Südwestfunk Baden-Baden. Zudem erhielt Heidersberger 1957 für eine seiner Lichtmalereien die Silbermedaille der 11. Triennale di Milano, der bedeutenden internationalen Ausstellung angewandter Kunst und Architektur.

Die Arbeiten erschienen den Zeitgenossen als adäquater Ausdruck der modernen Lebensverhältnisse: "[ein Rhythmogramm] vermag raum-zeitliche Verhältnisse 'chronographisch' ins Bild zu setzen, einen zeitlichen Vorgang Raum und Körper werden zu lassen und so eine großartige Metapher unseres neugewonnenen physikalischen Weltbildes zu geben, in dem Raum und Zeit mittels der Lichtgeschwindigkeit zu einem einheitlichen Kontinuum zusammengeschweißt werden", so der Braunschweiger Publizist und Galerist Peter Lufft. Äußerungen wie diese atmen den Geist des 20. Jahrhunderts und belegen, dass Heidersberger ein Vertreter der Moderne ist.

Anerkennung bekam Heidersberger auch aus Künstlerkreisen zugesprochen. So zeigte sich Jean Cocteau von der Aktualität der Arbeiten begeistert, als er schrieb: Cocteau.  Er erstand sogar ein Rhythmogramm als Geschenk für seinen Künstlerfreund Picasso.

Heidersberger schuf mit den Rhythmogrammen nicht nur eine neue Art der Lichtmalerei, sondern er wurde durch das Wandbild für die Ingenieurschule Wolfenbüttel gleichzeitig zum Vorreiter auf dem Gebiet der Kunst am Bau, die sich erst in den 1970er Jahren zu einer festen kulturpolitischen Konstante entwickelte. Der Einsatz photographischer Mittel ist auch heute noch selten bei vergleichbaren Aufträgen. Um so mehr handelt es sich bei dem Wolfenbütteler Wandbild um ein Kunstdenkmal, das von besonderer Bedeutung für die öffentliche Akzeptanz von Photographie als Kunst ist.

 

Letzte Änderung: 21.4.2014
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