Druckversion

reise | reportage

 

Hanne, ca. 1936
Roggenähre, ca. 1936

Die Branche des Bildjournalismus ist noch jung, als Heinrich Heidersberger - nach kurzem Malereistudium in Paris, der Arbeit als freier Künstler in Linz und Den Haag sowie als freier Photograph in Kopenhagen - ab 1936 in Berlin seine Tätigkeit als Bildjournalist aufnahm.

Das Bild von Hanne - Tochter der dänischen Freunde Börge und Edith Ludvigsen - das er noch in Kopenhagen aufgenommen hat, ist ein Beleg für seine frühe bildjournalistische Praxis. Hier wie für sein Gesamtwerk gilt, dass Heidersberger nie nach Genres unterscheidet, sich nie für die eine Aufnahme als Künstler, für die andere als Auftragsphotograph begreift. Wichtiger ist ihm der gelungene Ausdruck.

Das Bild von Hanne Ludvigsen wurde in Berlin Titelblatt der populären Wochenzeitschrift ‚Koralle', die im Ullstein Verlag erschien. Das Heft war Forum für naturwissenschaftliche Berichte, die mit Bildreportagen gekoppelt waren. Das neue publizistische Format entsprach dem Künstler, war dieser doch vorrangig an der Synthese von künstlerischem und wissenschaftlichen Erfassen der Gegenwart interessiert.

In der ‚Koralle' veröffentlichte Heidersberger in den kommenden Jahren regelmäßig. Daneben zählen jährliche Beiträge in den annualen Bildbänden "Photographies" und in der Zeitschrift "Arts et Métiers Graphiques" zu seiner frühen journalistischen Photographie.

#14051/3Nimm mich mit Kapitän auf die Reise, Stern 1950
# 3512 / 1 Schaufenster Studio 'Five', Braunschweig, 1949
# 14051 / 5  Reportage 'Nimm mich mit Kapitän...' Stern 1950
Rambert Balett, ca. 1948

 

Während sich Heinrich Heidersberger in den Jahren vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mit seinem improvisierten Entwicklungslabor und Bildverkäufen an die Verlage Ullstein und Scherl in Berlin über Wasser halten konnte, war nach Kriegsende die Auftragsphotographie ein probates Mittel, sich von der eigenen Kunst zu ernähren. Dank seiner Fremdsprachenkenntnisse wurde er von den Besatzungsmächten als Dolmetscher eingesetzt. Diese Verbindung ermöglichte ihm, ein eigenes kleines Photoatelier, das "Studio 5", in Braunschweig zu eröffnen. Er wurde als Portraitphotograph der englischen Soldaten sowie als Photograph des britischen Truppentheaters und -ballets tätig. Nie vernachlässigte er dabei den eigenen künstlerischen Anspruch, und so konnte er in den 1950er Jahren neben reinen Auftragsarbeiten auch freie Serien verkaufen.

Wichtiger und gleichsam inspirierender Auftraggeber war ab 1946 Henri Nannen. Für das von Nannen gegründete Magazin ‚Stern, fertigte Heidersberger seine ersten Auftragsreportagen. So begleitete er 1948 das Frachtschiff "Luzi Essberger", welches die ersten deutschen Exportwaren nach Kriegsende an Bord hatte. Auf der Fahrt von Bremerhaven über Tunis und Algier nach Istanbul photographierte Heidersberger den Warenabschlag, das Bordleben, aber auch Alltagsszenen in den Zielhäfen und -städten. Im ‚Stern' fand Heidersberger auch das Forum für eine Serie von Aktaufnahmen, die auf Anregung von Nannen bis heute den Titel "Kleid aus Licht" tragen.

#761 / 6 zerstörtes Braunschweiger Schloß, 1958
9100 / 7.1 Rodeln am Hohenstein, Wolfsburg 1961
#921 / 40 Alvar Aalto Kulturhaus, Wolfsburg 1961

Die photographische Dokumentation der unmittelbaren Umgebung gehörte seit jeher zu Heidersbergers wichtigsten Anliegen. Kurz nach Kriegsende photographierte er das zerstörte Braunschweig. Eine Reihe von Aufnahmen, die u. a. weidende Schafe vor einem Industrieareal zeigen, erschien später unter dem Titel "Morgenthau über Deutschland" als Reportage über die beginnenden Wiederaufbau Deutschlands. Nachdem sich Heidersberger endgültig in Braunschweig und später in Wolfsburg niedergelassen hatte, etablierte er sich zunehmend als Dokumentarist der beiden Städte. Dieser Aspekt seiner Arbeit fand u.a. in ‚Merian'-Heften über Braunschweig und Wolfsburg, sowie in zwei Bildbänden über die beiden Städte seinen Niederschlag.

Für das Wolfsburg-Buch fungierte die Stadt Wolfsburg als direkter Auftraggeber. Auf ihre Einladung hin war Heidersberger 1961 mit seinem Atelier in das Schloss in Alt-Wolfsburg gezogen, und in ihrem Auftrag begleitete er den Bau des Kulturzentrums von Alvar Aalto mit der Kamera. Eine dieser Auftragsaufnahmen war 1963 Titelblatt der Zeitschrift "L'Architecture d'aujourd'hui". 

# 9013  MS Atlantic / New York – Cuba 1954
# 9013  MS Atlantic / New York – Cuba 1954

Ohne Zweifel gehörten zu den bedeutendsten Auftraggebern dieser Zeit auch die Architekten der Braunschweiger Schule (Architekturphotographie 1952-1972). Deren wichtigste Protagonisten (Walter Henn, Friedrich Wilhelm Kraemer, Dieter Oesterlen) betrauten Heidersberger mit der Ablichtung ihrer Bauten in ganz Deutschland. Ebenso wie die zahlreichen Reportagen und Dokumentationen für den ‚Stern' oder die ‚Merian'-Hefte stets auf der Basis eines starken inhaltlichen Interesse und persönlichen Bezuges des Photographen entstanden waren, verdanken auch viele der im Laufe der Jahre entstandenen Reisephotographien ihre Entstehung der Lust an der Entdeckung und der Aufgeschlossenheit für das Neue. Ein besonderes Abenteuer ist durch eine Reihe von Photographien dokumentiert, die im Archiv des Künstlers wiederentdeckt wurden. Sie zeigen Impressionen aus New York und Cuba. Der größte Teil entstand 1954 an Bord eines Kreuzfahrtschiffes, das zwischen diesen beiden Städten verkehrte. Heidersberger verdingte sich dort, zusammen mit einem Bekannten aus der gemeinsamen Zeit im Stahlwerk, als Bordphotograph. In Aufnahmen von typischem Zeitcolorit lichtete er die meist amerikanischen Touristen auf den Sonnendecks ab. Bei den Landgängen beobachtete er in einfühlsamen Bildern das Alltagsleben in den Straßen und auf den Plätzen des vorrevolutionären Cuba. Erst jüngst wurde diese Serie von farbigen Kleinbilddias bei der Aufarbeitung des Archivs wieder zugänglich.

# 9115 / 2 'Roi Soleil', Frankreich 1958

Auch auf Heidersbergers Hochzeitsreise nach Südfrankreich mit seiner zweiten Frau Renate waren Aufnahmen entstanden, die zu Schlüsselwerken seiner Arbeit zählen. Im heiteren Zusammensein mit Künstlerfreunden wie z. B. Jean Cocteau entstanden Bilder voller Lebensfreude und inspirierter Kreativität.

 

Letzte Änderung: 20.1.2018
Anmelden