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œuvre

In der Zeit von 1928 -1931 lebte Heinrich Heidersberger in Paris. Dort besuchte er zeitweilig die Académie Moderne und nahm dort Unterricht bei Fernand Léger. Während seines Aufenthalts lernte er dort viele wichtige Persönlichkiten der Kunst - und Kulturszene des 20. Jahrhunderts kenne, unter anderem Ernest Hemingway.

Zusammen mit der Künstlerkollegin Ida Kar beschloss er, seine Gemälde und Zeichnungen photographisch zu dokumentieren. Auf dem Flohmarkt hatte er zuvor eine Kamera erstanden. Durch das Missgeschick eines Drogisten, der die Entwicklung des belichteten Materials übernehmen sollte, wurden Heidersbergers erste photographische Bilder unbrauchbar. So entschied er den Prozess von der Aufnahme bis zum fertigen Bild selbst in die Hand zu nehmen.

Bis ca. 1935 war die Photographie für Heidersberger eher ein engagiert betriebenes Hobby als ein Beruf. Nach seiner Übersiedlung nach Berlin im Jahr 1936 und durch die folgenden Aufträge für Verlage und Agenturen wurde die Arbeit mit der Kamera für ihn zur festen Einnahmequelle. Bis kurz vor seinem Lebensende im Jahr 2006 blieb die Photographie sein bevorzugtes künstlerisches Medium.

Heidersbergers photographisches Werk gliedert sich in verschiedene Sujets:

 

'Ein Deutsches Flugzeugwerk' , Wiking Verlag Berlin 1938
'Architekturphotographie 1952-1972', Steidl Verlag  2000

Architekturphotographie

Erste architekturphotographische Versuche unternahm Heidersberger bereits in den frühen 1930er Jahren. Um 1937 war er als Photograph bereits soweit etabliert, dass der Architekt Herbert Rimpl auf ihn aufmerksam wurde. Dieser beauftragte ihn, die Heinkel Flugzeugwerk  in Oranienburg abzulichten. Der Bildband, den Rimpl diesem Flugzeug-Werk widmete, ist zu einem großen Teil mit Aufnahmen von Heidersberger illustriert. 1938 vermittelte ihn Rimpl nach Salzgitter, wo Heidersberger die Leitung der Bildstelle der Reichswerke Hermann Göring übernahm und wo er bis kurz vor Kriegsende tätig war.

Nach dem Krieg etablierte er sich als Lichtbildner in Braunschweig und wurde zum herausragenden photographischen Begleiter der Architekten der Braunschweiger Schule. Seine wichtigsten Braunschweig-Impressionen fasste er in einem Buch zusammen, das er 1956 veröffentlicht. 1961 zog er nach Wolfsburg um und widmete auch dieser seiner neuen Heimatstadt 1963 eine photographische Hommage in Form des Bildbandes "Wolfsburg - Bilder einer jungen Stadt".  Bis in die 1970er Jahre bildete die Architekturphotographie einen Schwerpunkt seiner Arbeit.

# 3514 / 23+24 Brunsviga, Braunscheig 1949
# 4115 / 1 Krupp, Hannover, 1969

Werbe- und Industriephotographie

Parallel zur Architekturphotographie entwickelte sich die Werbe- und Industriephotographie zu einem zweiten Standbein Heidersbergers. Er arbeitete u.a. für Filme wir Brunsviga in Braunschweig, Jener Glas in Mainz pder Krupp in Essen. In sachlich - kühlen Bildern lichtete er die Produkte ab und betonte so ihre industrielle Fertigung. Manchmal inszenierte er sie auch in szenischen Zusammenhängen, die erzählerischen Charakter haben. Für seine Ton-Bild-Schau für Jenaer Glas erhierlt er eine Auszeichnung.

# 3512 / 1 Schaufenster Studio 'Five', Braunschweig, 1949
# 9048. Jutta Eckert, ca. 1955

Portraitphotographie

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Heinrich Heidersberger zunächst als Dolmetscher für die englische Besatzungsmacht in Braunschweig. Der örtliche Kulturoffizier engagierte ihn als Photograph und so dokumentierte er das wiedererwachende Kulturleben der Stadt. Bald bekam er in der Braunschweiger Innenstadt ein kleines Atelier (Studio 5) zur Verfügung gestellt. Hier portaitierte er unter improvisierten Umständen die Braunschweiger Gesellschaft der Nachkriegszeit. Heidersberger hat als Portraitphotograph stets versucht, seine Kunden zu ausdrucksstarken Gesten oder zu ungewöhnlichen Posen zu animieren. Immer auf der Suche nach innovativen Bildleistungen, experimentierte er mit den Möglichkeiten der Studiofotographie und rückte so die Persönlichkeit in den Vordergrund. Mit Hilfe vielfältiger Accessoires oder Staffagen sowie durch den Einsatz spezieller Hintergründe und Beleuchtungsarten schuf er charaktervolle Portraits, die vielleicht gerade deswegen so originell sind, weil der Photograph als Autodidakt die Regeln der photographischen Zunft nicht beachten musste - oder wollte.

# 110 / 2 Kleid aus Licht, Stern 1949
# R 4505 / 2.5 'Mit Mann und Roß und Wagen', Stern #21, 1950
# 9013  MS Atlantic / New York – Cuba 1954

 

Reise-, Reportage- und Dokumentationsphotographie

Als Henri Nannen Ende der 1940er Jahre in Hannover das Magazin ‚Stern' gründet, wird Heinrich Heidersberger einer der ersten Photographen der Zeitschrift. Für den ‚Stern' fotografiert er die berühmt gewordene Serie ‚Kleid aus Licht' oder fertigt Reportagen wie z.B. über einen Zirkus, der Anfang der 1950er Jahre über die Zonengrenze flüchtet. In einem Waldstück stellt er die spektakuläre Flucht mitsamt den Zirkustieren nach. Bis zum Anfang der 1960er Jahre arbeitet Heinrich Heidersberger für den ‚Stern'. Eine einmalige Episode im beruflichen Werdegange des Künstlers stellte zudem seine Tätigkeit als Bordfotograf auf einem Kreuzfahrtschiff dar. 1954 fuhr er auf der ''MS Atlantic'' mehrfach zwischen New York und den Westindischen Inseln (z.B. Cuba) hin und her. An Board zählte zu seinen Aufgaben die Herstellung von Dias, die zum Verkauf an die Reisenden gedachte waren und die den heiteren Alltag auf dem Schiff dokumentieren sollten. Bei Landgängen entstanden auch Ansichten der hafenstädte und der örtlichen Bevölkerung.

# 3782  / 226b  Rhythmogramm, ca. 1955
# 3598 / 4 Gasometer, Braunschweig 1952

Experimente

Die fotohistorischen einmaligen Lichtspuren, die Rhythmogramme., stellen zweifelsohne die wichtigste Werkgruppe von Heidersberger freier, experimenteller Photographie dar. Daneben hat er häufig, meist im Studio, die vielfachen Möglichkeiten photographischer Techniken untersucht. In der Serie ''Kleid aus Licht'' (ab 1949) überblendete er den nackten weiblichen Körper mit geometrischen Lichtstrukturen. Mit dem so genannten Klydonographen bildete er ca. 1954 elektrische Entladungen ab, indem er sie auf einer lichtempfindlichen Schicht ablaufen ließ. Es entstanden blitzähnliche Formen mit zahlreichen Verästelungen, die sich konzentrisch über die Bildfläche ausbreiteten. Im Jahr 1956 entstand eine Serie, die Schneesterne in Nahaufnahme zeigt, so dass deren kristalline Strukturen sichtbar werden. Makro- und Mikrofotografie waren also gleichermaßen im Werk vertreten.

Letzte Änderung: 23.7.2016
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