Ein Telefongespräch vor 54 Jahren, bei dem die beiden Teilnehmer sich nicht nur hören, sondern auch sehen konnten.

von Heinrich Heidersberger, 1990

Mein Pflegevater, damals angestellter Pharmazeut an der Österbro-Apotheke in Kopenhagen, später selbsständiger Apotheker in der kleinen Stadt Skibby auf Sealand, pflegte jeden Donnerstag, seinem freien Tag nach der Nachtwache, die Runde zu den Antiquitätenhändlern oder zu Auktionen dieser Branche zu machen. So wurde die moderne Etagenwohnung am Strandboulavard bald zu klein für die Aquisitionen seiner einzigen Leidenschaft, in der ja auch im Sommer die 3 "Wienerkinder", zu Besuch in den Ferien seit den Inflationsjahren und Hunger nach dem so dumm angezettelten ersten Weltkrieg.

Meinen Protest gegen den Auszug aus der so praktischen modernen Wohnung quittierte er mit einem dänischen Sprichwort, "daß Abwechslung Freude mache", und so übersiedelten wir mit dem schweren Renaissancetisch und seinen papierdünnen chinesischen Teetassen vom Strandboulevard nach dem Stadtteil Hellerup in eine Villa am Strandvej, zwar in das Untergeschoß, aber es war ein wunderschönes Anwesen mit Garagen, Garten und Gartenhäuschen, nicht weit vom Öresund.

Die Inhaber, er der Juniorchef und Ingenieur der auf der ganzen Welt repräsentierten Firma Hellensens Enke & V. Ludvigsen, sie eine bekannte Bildhauerin, hätten meinen Pflegevater sicher nicht in ihr Haus aufgenommen, hätten sie ihn nicht in ihr eigenes Bildungsnivesu und die gleichen kulturellen Interessen eingeordnet. Börge Ludvigsen war der Sohn des Erfinders der Trockenbatterie, sein Vater war ein Protagonist des Automobil-Tourismus, als ein Chauffeur gelernter Kutscher sein mußte, um, bei der Begegnung mit einem Pferdefuhrwerk, das scheuende Gespann am Zügel an dem gestoppten Ungeheuer vorbeileiten zu können, aber mich, der ich einer der ersten Radioamateure Österreichs war, als man "honeycomb"-Spulen selbst wickelte und improvisierte Stecker noch nichts mit Bananen gemein hatten, in Deutschland eine "Audion-Versuchserlaubnis" die heulenden Rückkopplungen bändigen sollte, der ich ein halbes Jahr lang Trichterlautsprecher geprüft und in dieser Radiofabrik als Praktikant Spulenwickelmaschinen konstruiert hatte, faszinierte nicht nur Ludvigsens Fabrik mit Versuchen in der Radiobranche und der Herstellung dieser schwarzen Anodenbatterien in der Größe von 2 Ziegelsteinen, wie ich natürlich eine hatte, der Sohn Ludvigsen war ein eifriger Photoamateur, hatte eine der heute ausgestorbenen Rolleiflex-Apparate 4 x 4 cm und eine Dunkelkammer im oberen Stock der Villa, in der ich meine ersten bezahlten Aufträge von Aufnahmen in der Fabrik meines Gönners und späteren Freundes ausarbeiten konnte.

Ich selbst hatte eine Spiegelreflex Camera von Zeiss Ikon und eine der frühen Leicamodelle, mit der ich später, als ich nicht mehr in Ludwigsens Haus, sondern jung verheiratet, in der Altstadt Kopenhagens wohnte, dort eine Aufnahme von den typischen Kopenhagener Fahrradboten mit immensen Schatten in der klaren skandinavischen Abendsonne gemacht, die noch immer in meinen Ausstellungen verwendet und in Büchern gedruckt wird.

So konnte es nicht ausbleiben, daß ich auch Bilder von Börge und Ediths Kindern machte. Das von der Tochter Hanne wurde später, als ich von Dänemark zurück nach Berlin übersiedeln mußte, Titelblatt der Wochenzeitschrift Koralle im Ullstein Verlag, ein Blatt, das naturwissentschaftliche Themen in der photographischen Bildreportage brachte, die im Hause Ullstein als neue publizistische Form entstanden.

Als nun Börge Ludvigsen mit seiner Frau Edith eine Reise nach Deutschland machten, grüßten sie auf allen Bahnsteigen seiner Eisenbahnfahrt durch das Land die lachenden großen Augen seiner Tochter Hanne und erinnerten ihn an die Zeit, als ich mit ihm zusammen die Motive in Hellesens Fabrik ausgesucht hatte und ich sogar auf den Fabrikschornstein geklettert war, um eine halsbrecherische Reportage davon zu machen, wie um den gemauerten Vetreran eiserne Ringe zu seiner Befestigung angelegt wurden. Börge, 6 Jahre älter als ich, mit einem abgeschlossenen Studium in England und Deutlschland, mit einem großen Grundbesitz in Jütland mit Bauernhäusern, Wassermühle, Jagd und Fischerei und ich, Autadidakt, Halbwaise, mit dem existenziellen Bemühen, im Ausgleich zwischen dem homo ludens und dem homo faber, nach einem abgebrochen Sudium in meiner Heimat, einem Initial im Musisch in Paris, in den Ländern Österreich, Holland, Dänemark und in Berlin ein passables Auskommen zu finden, der ich im "Dritten Reich" nur im inneren Widerstand überlebte, verband doch vieles, am meisten die Photographie und heute, wo er bald 90 wird und ich die meisten Bilder für seine Jahresgrüße beigebracht habe, Hanne, der großäugige, blondgelockte Gruß auf den Reisestationen mehrfache Großmutter ist, aber seine neue liebliche Tochter in meinem Atelier Praktikantin war, ist er sicher mein wichtigster und bedeutendster Freund.

Ist es so verwunderlich, wenn ich heute in nostalgischer Rückschau ein Ereignis in unseren gegenseitigen Besuchen als auspicium auf die Zukunft aus dem debris (Trümmer) der Vergangenheit hervorkrame: als mich die Ludvigsens - vielleicht im Olympiade-Jahr 36 - wieder einmal besucht, sie uns ins Variete "Haus Vaterland" eingeladen, wir dort das Panorama-Spektakel auf der Bühne bewundert hatten, der Rhein mit Schiffen und Schleppkähnen, mit Regen und Gewitter als Glanzpunkt der Vorstellung vorüber war, verabredeten er mit mir, der ich nicht einmal ein eigenens Telefon hatte und nur über "R"-Gespräche mit meinen erst beginnenden Geschäftsverbindungen kommunizierte, daß er mich von der Leipziger Messe aus über ein, für dieses Ereignis eingerichte Fernseh-Telefon-Verbindung anrufen würde, um dieser neuen Errungenschaft der Kommunikationstechnik teilhaftig zu werden.

So seh ich denn, von einem Postamt aus, wahrscheinlich Leipziger Platz, in einer dafür eingerichteten Zelle, meinen Gönner, Photo-Freund, Angehörigen eines Landes, das mir so viel gebracht hatte, daß ich seine Sprache erlernt hatte, auf einem Bildschirm, nicht ganz so klar wie den Nachrichtensprecher heute, aber doch gut erkennbar, und sprach mit ihm Dänisch oder etwas, was er in seinen Geburtstags-Tischreden, anerkennend "Naesten Dansk" nennt, vor mehr als einem halben Jahrhundert.

In der Besprechung einer meiner Ausstellungen zum 75sten im Schloß Wolfsburg hatte mich die wohlwollende Rezensentin einen "notorischen Autadidakten" genannt. Auf ein Leben mit einem Beruf in einer kreativen Disziplin bezogen, heißt das so viel als etwas auszuprobiert zu haben, bevor man die Gebrauchsanleitung dazu gelesen hat und tatsächlich habe ich eine Abneigung gegen Gebrauchsanweisungen technischer Vorrichtungen. Das Ding selbst zu verstehen, erscheint einem viel einfacher.

Aber in den Lebensstufen eines Autodidakten scheint mir eine Begabung - angeboren oder erworben - relevant: eine intuitive Begabung für die Optionen des Schicksals; als ich in die ersten Anfänge meines Berufes eingestiegen war, war es der Zeigefinger des Schicksals, der mir heimlich winkte, immer der, der es mit der Photagraphie hatte. In den bösen Jahren im Beruf zu bleiben, Freunde, auch aus anderen Ländern zu gewinnen und über die Katastrophe hinweg zu bewahren, ein praktikables Auskommen mit den Mitteln des Berufes und die Freiheit des Dilletierens. Sich der leitenden Hand eines Lehrers anzuvertrauen, verkürzt den Weg zum Erstrebten, es verhindert gleichzeitig das Erkunden der benachbarten Bereiche, die Berührung mit den Ketzern.

Meine Familie war nicht imstande, die Kosten an einer Akademie für das Studium der freien Malerei - denn das war meine Absicht - aufzubringen, so waren die Besuche im Atelier von Fernand Léger und in der freien - lehrerfreien - Akademie nur kurz. Aber bei einem Besuch meines Pflegevaters in Paris, er war, obwohl ein prüder-sittsamer Junggeselle, wie alle Dänen absolut frankophil und genoß Paris, von mir vorgeführt, in vollen Zügen, zeigte der Finger des Schicksals auf eine Holzkamera auf dem Marché aux Puces, ein wichtiges Instrument der Wende. Sie hat nichts mit meinen television-phonat mit Börge Ludvigsen zu tun, aber um so mehr die Person meines menschenfreundlichen Pflegevaters und meinem vielleicht doch angeborenem Gespür für die schicksalweisenden Gelegenheiten.

Nach dem letzten Hunger- und Rübenjahr des ebenso wahnsinnigen Kriegsjahres (1918), wie die der Inflation, brachte mich ein Zug unterernährte Kinder, pauschal "Wienerkinder" genannt, in ein kleines Dänemark, das sich traditionsgemäß aller, von ihr unverschuldeten Opfer von Kriegen annimmt. Der Leiter der "Kinderhilfsexpedition" hatte Listen mit Wünschen nach Pflegekindern, spezifiziert nach Alter, Geschlecht, Haarfarbe, vielleicht Konfession. Mir selbst, weder aus Wien, noch überhaupt österreichischer Nationalität, auch damals schon der Eigenbrödler, gefiel die Methode, sich in die Reihe zu stellen, um zugeteilt zu werden, gar nicht, so war ich in der letzten Station der jütländischen Lokalbahn, - die so lokal war, daß man den Lokomotivführer beim bevorstehenden Abgang des Zuges bitten konnte, doch auf das Eintreffen von Frau Jensen, Nilsen oder Andersen zu warten, die eben die steile Söndergade hinaufhechelten, - übrig geblieben.

Die fürsorgliche Hand des Schicksals, noch in vorphotographischer Funktion, hatte den gütigen Bruder meines späteren Pflegevaters auf den Bahnhof geleitet, so daß er mich für diesen ersteigern konnte. So konnte ich, nach der Übersiedlung meines Pflegevaters nach Aarhus und dann nach Kopenhagen und meiner eigenen - doch sehr unfreiwilligen - zusammen mit meiner holländischen Frau, die ich im Rathaus in Kopenhagen für die Gebühr von 10 Öre - für die sogar eine überflüssige Übersetzung in meine Muttersprache inbegriffen gewesen wäre - geheiratet hatte, nach Berlin als einer der ersten in den sensationellen Genuß einer phonetisch- optischen Kommunikation zwischen zwei Freunden in Leipzig und Berlin kommen.